Hintergrund der Petition

Warum diese Petition – und warum jetzt?

Der Auslöser

Im März und April 2026 wurde ein Buckelwal in den Gewässern bei Wismar gesichtet – tief in der Ostsee, weit außerhalb jedes natürlichen Lebensraums für Großwale. Was zunächst wie eine Kuriosität wirkte, ist in Wahrheit ein ernstes Warnsignal: Ein Tier dieser Größe und Komplexität hätte niemals so weit in diese Gewässer eindringen dürfen, ohne dass irgendjemand die Möglichkeit gehabt hätte, rechtzeitig zu reagieren.

Dieser Vorfall war die Initialzündung für das Corridor Observation Framework – COF. Nicht als emotionale Reaktion, sondern als professioneller Denkanstoß: Was wäre nötig gewesen, um dieses Tier rechtzeitig zu erkennen, zu verfolgen und vor dem Eindringen in ungeeignete Gewässer zu schützen? Seit knapp einer Woche wird an der Antwort auf genau diese Frage gearbeitet – und diese Petition ist ein zentraler Teil davon.

Kein Einzelfall – ein Muster

Der Wismar-Vorfall steht nicht allein. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Großwale – Buckelwale, Pottwale, vereinzelt auch andere Arten – im Bereich Skagerrak, Kattegat, Øresund und der westlichen Ostsee gesichtet, teils unter dramatischen Umständen. Strandungen, Erschöpfungszustände, Kollisionen mit Schiffen und Orientierungsverlust in engen Meerengen sind keine Ausnahme mehr. Sie sind Teil eines besorgniserregenden Musters.

Die Ursachen sind vielschichtig: veränderte Beuteverfügbarkeit, zunehmender Schiffslärm, Sonarbelastung, hydrographische Veränderungen durch den Klimawandel und eine schlichte Schutzlücke im maritimen Raum. Es fehlt ein System, das Bewegungen von Großwalen in kritischen Korridoren frühzeitig erkennt und Schutzmaßnahmen ermöglicht – bevor es zu spät ist.

Was konkret gefordert wird

Diese Petition richtet sich an europäische Institutionen, nationale Ministerien und maritime Behörden in Dänemark, Schweden und Deutschland. Sie fordert konkrete, rechtlich verankerte Maßnahmen:

Getunnelte Schrauben als gesetzlicher Standard

Schiffe in walrelevanten Korridoren sollen verpflichtend mit getunnelten Schrauben (Kortdüsen / Ducted Propeller) ausgestattet werden. Diese Bauform erzeugt deutlich weniger Unterwasserlärm und schützt Wale vor akustischer Störung und direkten Verletzungen durch Schiffsschrauben. Eine gesetzliche Vorschrift – keine freiwillige Empfehlung.

Hydrophon-Netzwerk zur Waldetektion

Im Bereich kritischer Meereskorridore sollen eigens zur Waldetektion entwickelte Hydrophon-Systeme installiert werden – unabhängig von bestehender Infrastruktur. Diese Systeme erfassen Walvokalisationen in Echtzeit und speisen die Daten in ein gemeinsames operatives Lagebild ein.

Dynamische Schutzzonen

Schutzzonen sollen sich automatisch aktivieren, sobald ein Wal im Korridor nachgewiesen wird – und sich ebenso automatisch wieder aufheben, wenn das Tier den Bereich verlassen hat. Keine dauerhaften Sperrgebiete, sondern intelligente, ereignisbasierte Schutzbereiche, die den Schiffsverkehr nur dann einschränken, wenn es wirklich notwendig ist.

Professionelles Monitoring-System

Aufbau eines grenzüberschreitenden, wissenschaftlich fundierten Überwachungssystems für den Korridor Skagerrak/Kattegat – mit Echtzeit-Lagebild, KI-gestützter Erkennung und klaren Alarmierungsketten zu Behörden und Küstenwache.

Warum jetzt gehandelt werden muss

Die Ostsee ist für Großwale biologisch ungeeignet – zu flach, zu salzarm, zu laut. Jedes Tier, das in diesen Bereich eindringt, ist in unmittelbarer Gefahr. Ohne Frühwarnsystem gibt es keine Möglichkeit zu reagieren, bevor irreversibler Schaden entsteht. Der Wismar-Wal hat gezeigt, dass wir nicht vorbereitet sind.

COF ist der Versuch, diese Lücke zu schließen – professionell, wissenschaftlich fundiert und politisch anschlussfähig. Ihre Unterstützung hilft dabei, dieses Vorhaben auf europäischer Ebene einzubringen und den politischen Druck zu erzeugen, der für echte Veränderungen notwendig ist.

40 Jahre Walsichtungen – kein Zufall, ein Muster

Die folgende Chronologie basiert auf verifizierten Quellen: Deutsches Meeresmuseum, NABU, Stiftung Meeresschutz, hvaler.dk und Whale & Dolphin Conservation. Sie zeigt: Großwale dringen seit Jahrzehnten regelmäßig über denselben Korridor – Skagerrak, Kattegat, Øresund, Beltsee, Flensburger Förde, Kieler Bucht, Mecklenburger Bucht – in die Ostsee ein. Ohne Frühwarnsystem, ohne koordinierte Reaktion.

1981
Weißwal (Beluga)
Wismarbucht, Hafen Wismar – fotografisch belegt, Fahrrinne bis Insel Walfisch
1982
Weißwal (Beluga)
Kreideküste Rügen – Küstenbeobachtungen 3.–11. April, zuletzt Lohme/Rügen
1984
Weißwal (Beluga)
Helsingborg → Sassnitz → Greifswalder Bodden → Hiddensee → Limfjord
1988
Weißwal (Beluga)
Rerik, Kap Arkona, Sassnitz, Hiddensee, Rügen – Belegfoto vorhanden
1995
Buckelwal
Århus Havn / Århus Bucht, Dänemark
1999–2000
Zwergwal (Minke)
Lillebælt, Vejle Fjord – Strandung tot bei Tybrind Vig, Jan. 2000
2000
Nördlicher Entenwal
Lynæs/Isefjord → Kattegat eskortiert, danach Kronborg / Malmö
2002
Buckelwal (~8 m)
Marinebasis Frederikshavn, Dänemark – Hafenbecken, 12. Dez.
2003
Finnwale (2 Tiere, ~225 Meldungen)
Øresund → Horsens, Aabenraa, Kolding Fjord, Alssund, Kieler Bucht, Kieler Fjord
2003
Buckelwal-Jungtier (tot, ~7 m)
Groß Schwansee nahe Wismar – 4. Juli 2003
2004
Pottwal (~15 m)
Aså → Darsser Ort → Bornholm → Mecklenburger Bucht/Wismar – mehrere Wochen
2005
Finnwal (tot, 17,10 m)
Greifswalder Oie – 10. Juli 2005
2006
Buckelwal (10–11 m)
Danziger Bucht / Hel, Polen – seit 28. März 2006, jagend auf Sprotten
2006
Finnwal (tot)
Wismarbucht
2008
Buckelwal
Hven/Schweden (Öresund), Warnemünde, Niendorf, Rügen
2010
Buckelwal + Pottwal
Rügen (Mai), Bornholm (Juli)
2012
Weißwal (Beluga, ~4,5 m)
Flensburger Förde (Sept.), Olpenitz (Nov.) – erste Beluga-Sichtung seit 42 Jahren
2013
Buckelwal
Vor Rügen, November
2015
Sowerby-Zweizahnwal + Finnwal + Buckelwal mit Kalb
Wohlenberger Wiek / Niendorf – wissenschaftl. identifiziert; Eckernförder Bucht (Finnwal)
2016
Pottwal (13–15 m)
Öresund, Mai – gefilmt von dänischen Seglern, erste bestätigte Pottwalsichtung der Dekade in der Ostsee
2016
Finnwal, Zwergwal (tot), Buckelwal
Flensburger Förde, Kadettrinne, Greifswalder Bodden, südlich Insel Vilm (Kollision)
2018
Buckelwal (8–9 m, lebendig) + Buckelwal-Jungtier (tot)
Dierhagen/Darß (Netzbefreiung, Feb.), Stralsund (Strandung, Juni)
2023
Zwergwal (tot) + Nördlicher Entenwal
Trave/Lübeck (Mai), Flensburger Förde (Okt.), Öresund (Sept.)
2024
Buckelwal (dokumentierter Zug)
Haverdal/Kattegat → Flensburg → Eckernförde → Kieler Förde, 1.–11. April – 12+ namentliche Beobachter
2025
Buckelwal (mehrere Meldungen)
Hiddensee (Ostern), Travemünde (Mai), Rügen/Ahrenshoop (Juli)
2026
Finnwal (Jan.) + Buckelwal (März–April)
Flensburger Förde (4. Jan.) – Wismar/Mecklenburger Bucht (ab 3. März, Strandungen, Freibewegung, Grundkontakt vor Poel)
Quellen: Deutsches Meeresmuseum, NABU Schleswig-Holstein, Stiftung Meeresschutz, hvaler.dk, Whale & Dolphin Conservation (WDC), YACHT.

Hinweis: Diese Petition ist kein Spendenaufruf. Mit Ihrer Unterschrift unterstützen Sie ausschließlich das Ziel, ein professionelles Monitoring-System zum Schutz von Walen in Skagerrak und Kattegat auf europäischer Ebene einzubringen.